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30. März 2012

Fleisch und Geist

Die Welt spinnt und die Bibel hat doch recht. Was haben wir früher gelacht: Sara neunzig, Abraham 100 – und der Isaak ein schreiendes Bündel. Aber klar doch hatte Gott seine Hände oder was auch immer im Spiel. Aber the times they are a changin‘: Waltete unser jüdischer Jahve mit wallendem weissen Bart, so wandeln die modernen Götter in weissem Outfit und gebleechten Zähnen. Und schon wird aus 66-jährigem trockenem, zähem Bü-bü-bündner-Fleisch knackiges, vitales, gebärfreudiges. Hoch soll es leben, braucht doch das Land neues Blut, frische Kinder. Und weil Bethlehem Geschichte, ist auch die Unterbringung ein Leichtes: Von der Krippe in der Direttissima ins Altersheim. Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an – mit blondiertem Haar und Sahne.

Was  der Gianna Nannini heilig, ist einer echten protestantischen Nonna selig. Und da das Voglio il tuo profumo ein Verfalldatum kennt, erkannte der Gott in Weiss seine Pfarrerin und sie gebar ihm: Zwillinge. Am Anfang war die genetische Tat. Auch im katholischen Biotop. Was mit dem „Reproduktionsmaterial“ geschieht? Was soll’s. Ein in Sünde gezeugter Balg kennt seinen katholisch geweihten Erzeuger genauso wenig wie umgekehrt. Und im protestantischen Altersheim könnte bei der Besuchszeit bald einmal die wundersame Kindervermehrung einsetzen: Die Mutter erkennt jeden Tag ein anderes Kind.

In den grauen Bünden hat aber nicht nur das Fleisch den Blues, sondern auch der Geist. Und der Geist hat einen Namen: Hirte Huonder. Und ein Aufschrei geht durch das Land der Geschiedenen, als ob alttestamentarische Plagen den Himmel verdunkelten: „Was, wir wiederverheirateten Geschiedenen sollen nicht mehr zur Heiligen Kommunion gehen können? Sie wollen uns den Leib und das Blut Christi vorenthalten?“ Klar könnten die Geschiedenen quasi inkognito „kommunizieren“. Aber Irgendwie scheinen sie ihrem Gott nicht zu trauen. Oder kennen ihn zu gut: „Denn Unzüchtige und Ehebrecher wird Gott richten!“ Hölle und Verdammnis! Was müssen diese Armen im Fleische und Geiste leiden, Herrgottnochmal! Ja, man möchte über diese pseudo-progressiven Katholen mit ihrem reaktionären, fundamentalistischen Aufschrei nur einfach den Kopf schütteln, mitleidig lächeln, sie gar auslachen und ihnen zurufen: „Selber schuld, pongga sera, wenn ihr Treue-Schwüre abgebt, die zu fifty-fifty meineidig sind.“

Wie immer: Wo die Not am grössten, die Rettung am nächsten: Warum also nicht ein neuer Ablasshandel? 20 Silberlinge für ein „Ehenichtigkeitsverfahren“ wären doch in der freien Marktwirtschaft ein faires Angebot. Falls schon Kinder – „prezis dr Vatr!“ -  die gute Stube heimsuchen? Also bitte: wofür gibt’s den Heiligen Geist und spin doctors, die mit und am Fleisch gerne züngeln und zündeln? Und wenn sie nicht gestorben sind, so sündigen sie morgen wieder.

Und die Kirche? Diese hat im Hirten Huonder ihren Fels in der Brandung. Kritik prallt am gesunden rosigen Fleisch ab, dessen Geist im Hirtenbrief zur Fastenzeit Sätze absondert wie: „Bei der Hochzeit in Kana richtete Maria die besorgten Worte an ihren Sohn: ‚Sie haben keinen Wein mehr.‘ Das war mehr als nur eine Bitte um ein vergängliches Getränk. Es war eine Bitte um den Geist, um den Geist des Glaubens. Nur aus diesem Geist können Eheleute ihr Leben so gestalten, dass sie als Zeugen Christi erkannt werden, eben als Christen.“ Zu viel Geist im Wein? Oder zu viel  Wein im Geist? Auf alle Fälle verquaster Unsinn - Scham und Schwamm drüber.  Voltaires „Ecrasez l’infâme!“ wird obsolet, die Zerstörung kommt von selbst, von innen.

(Walliser Bote, 30.3.12)