25. April 2012

Lohn


„Sit er öpper oder nämed er Lohn?“ – so soll die Madame de Meuron ihr unbekannte Personen begrüsst haben.  Jemand sein – oder Lohn beziehen. Eine Gretchen-Frage und die alles entscheidende. Lohn: ein echtes four-letter-word. Lohn – Mindestlohn – Grundlohn: die Steigerung hinab in den Superlativ als Super-GAU. Grundlohn: Nur schon die Idee verpasst selbst Satirikern à la Giacobbo rote Ohren. Ja, da wollen und können sie keinen Spass verstehen. Sowas geht nun wirklich nicht. Ein Grundlohn? Möge der Gottseibeiuns dies verhindern. Und er wird. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, in diesem unserem Lande, wo ein Gespräch über Lohn fast ein Sakrileg ist. Da können so viele Initiativen kommen, wie da wollen.
Und so werden die Verhältnisse immer klarer, dank der Schere, die sich öffnet und irgendwann vielleicht wieder  – schnapp! – schliesst. Doch die Französische Revolution ist fern und Geschichte wiederholt sich als Farce, zum Schunkeln: „À la lanterne les aristocats!“ Immerhin gibt es noch sprechende Namen, die Klartext reden.  Und so sorgt denn der Name des Arbeitgeberpräsidenten für Klarheit: Vogt. Da weiss man, was man hat und hört: „Nicht jeder Lohn kann für eine Familie existenzsichernd sein, aber mit zwei tieferen Löhnen ist in vielen Haushaltungen ein genügendes Auskommen möglich.“ Na also, wenn das der Vogt sagt, dann ist es so, basta, denn der Vogt ist das Sprachrohr seiner Herren, heute genauso wie zu Zeiten der Habsburger- und auch der Oberwalliser-Herrschaft. Und kein Tell, keine Franzosen in Sicht.
Ja, der Lohn der Arbeit muss nicht zum Leben reichen. Dafür gibt’s Zweit-Jobs, Sozialleistungen für die Bedürftigen, die working poor. Der Bettler sei Bettler sei Bettler. In den USA erhält mittlerweile jeder Siebte Lebensmittelkarten. Und wie viele Walliser Haushalte werden subventioniert, z.B. bei der Krankenkasse? System Error. Wichtig: keine Lohndiskussion. Und die Medien spielen mit. Wer zahlt, befiehlt. So erstaunt es auch nicht, dass der Tra-Monti eine geradezu euphorische Presse bei uns hat, wenn er in Italien endlich Remedur schafft. Natürlich auf Kosten der Arbeitnehmer/innen. Wer die Krise wirklich verursacht hat? Unwichtig. Keine Frage. Hauptsache wir leben noch. Was soll’s? Mit Verlusten muss man rechnen und Selbsttötungen sind unvermeidliche Kollateralschäden.
Wenn es nicht zum Weinen wäre, möchte man lachen.
Und eine Satire schreiben, z.B. in Form eines Märchens:
Es waren einmal arme, arme working poor Volksvertreter. Denen erging es so schlecht, dass nicht einmal mehr Doppel-Jobs die Not zu lindern vermochten. Und die Bitternus im ganzen Land ward gross und ein mächtig Geschrei hub an unter der Kuppel: „Es möchte kein Kettenhund so länger leben!“ Und also machten sie sich auf den Weg in die Prostitution und fanden Brosamen. Und dann und wann, wenn wieder einer der tumben Toren Tausende Taler in seinem Portfolio fand, nicht wissend woher, wieso, weshalb, bahnte sich mitunter ein feines Gelächter seinen Weg. Und so durchdrang das fette Denken mehr und mehr alle Schichten und Poren. Ja, selbst die Altersarmut erlebte Linderung, indem Rentner sich dem Zuge anschlossen. Und en-alpine Power durchströmte Hinz und Kunz bis zum Kniefall beim Heimfall. Und von weit, weit her ertönte es: „Sit er öpper oder nämed er Lohn?“ Und wenn sie nicht verrottet sind, die Rätchen, so laufen sie wie geschmiert.
Aber eben: Erstens ist es nicht zum Lachen und zweitens will im Jahre 2012 selbst die Satire gesponsert sein.
(Walliser Bote, 25.4.12)

30. März 2012

Fleisch und Geist

Die Welt spinnt und die Bibel hat doch recht. Was haben wir früher gelacht: Sara neunzig, Abraham 100 – und der Isaak ein schreiendes Bündel. Aber klar doch hatte Gott seine Hände oder was auch immer im Spiel. Aber the times they are a changin‘: Waltete unser jüdischer Jahve mit wallendem weissen Bart, so wandeln die modernen Götter in weissem Outfit und gebleechten Zähnen. Und schon wird aus 66-jährigem trockenem, zähem Bü-bü-bündner-Fleisch knackiges, vitales, gebärfreudiges. Hoch soll es leben, braucht doch das Land neues Blut, frische Kinder. Und weil Bethlehem Geschichte, ist auch die Unterbringung ein Leichtes: Von der Krippe in der Direttissima ins Altersheim. Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an – mit blondiertem Haar und Sahne.

Was  der Gianna Nannini heilig, ist einer echten protestantischen Nonna selig. Und da das Voglio il tuo profumo ein Verfalldatum kennt, erkannte der Gott in Weiss seine Pfarrerin und sie gebar ihm: Zwillinge. Am Anfang war die genetische Tat. Auch im katholischen Biotop. Was mit dem „Reproduktionsmaterial“ geschieht? Was soll’s. Ein in Sünde gezeugter Balg kennt seinen katholisch geweihten Erzeuger genauso wenig wie umgekehrt. Und im protestantischen Altersheim könnte bei der Besuchszeit bald einmal die wundersame Kindervermehrung einsetzen: Die Mutter erkennt jeden Tag ein anderes Kind.

In den grauen Bünden hat aber nicht nur das Fleisch den Blues, sondern auch der Geist. Und der Geist hat einen Namen: Hirte Huonder. Und ein Aufschrei geht durch das Land der Geschiedenen, als ob alttestamentarische Plagen den Himmel verdunkelten: „Was, wir wiederverheirateten Geschiedenen sollen nicht mehr zur Heiligen Kommunion gehen können? Sie wollen uns den Leib und das Blut Christi vorenthalten?“ Klar könnten die Geschiedenen quasi inkognito „kommunizieren“. Aber Irgendwie scheinen sie ihrem Gott nicht zu trauen. Oder kennen ihn zu gut: „Denn Unzüchtige und Ehebrecher wird Gott richten!“ Hölle und Verdammnis! Was müssen diese Armen im Fleische und Geiste leiden, Herrgottnochmal! Ja, man möchte über diese pseudo-progressiven Katholen mit ihrem reaktionären, fundamentalistischen Aufschrei nur einfach den Kopf schütteln, mitleidig lächeln, sie gar auslachen und ihnen zurufen: „Selber schuld, pongga sera, wenn ihr Treue-Schwüre abgebt, die zu fifty-fifty meineidig sind.“

Wie immer: Wo die Not am grössten, die Rettung am nächsten: Warum also nicht ein neuer Ablasshandel? 20 Silberlinge für ein „Ehenichtigkeitsverfahren“ wären doch in der freien Marktwirtschaft ein faires Angebot. Falls schon Kinder – „prezis dr Vatr!“ -  die gute Stube heimsuchen? Also bitte: wofür gibt’s den Heiligen Geist und spin doctors, die mit und am Fleisch gerne züngeln und zündeln? Und wenn sie nicht gestorben sind, so sündigen sie morgen wieder.

Und die Kirche? Diese hat im Hirten Huonder ihren Fels in der Brandung. Kritik prallt am gesunden rosigen Fleisch ab, dessen Geist im Hirtenbrief zur Fastenzeit Sätze absondert wie: „Bei der Hochzeit in Kana richtete Maria die besorgten Worte an ihren Sohn: ‚Sie haben keinen Wein mehr.‘ Das war mehr als nur eine Bitte um ein vergängliches Getränk. Es war eine Bitte um den Geist, um den Geist des Glaubens. Nur aus diesem Geist können Eheleute ihr Leben so gestalten, dass sie als Zeugen Christi erkannt werden, eben als Christen.“ Zu viel Geist im Wein? Oder zu viel  Wein im Geist? Auf alle Fälle verquaster Unsinn - Scham und Schwamm drüber.  Voltaires „Ecrasez l’infâme!“ wird obsolet, die Zerstörung kommt von selbst, von innen.

(Walliser Bote, 30.3.12)

24. Februar 2012

Busse

Endlich Entsagung. Die Fastnacht vorbei, Asche aufs Haupt, die Maske aufgesetzt – ein neuer Tag beginnt. Und mit ihm das Büssen. Kein Fleisch – falls doch, nur Geflügel -, kein Alkohol – falls doch, nur Rittergold -, keine Diäten –falls doch, nur erhöhte. Letzteres für Politiker à la Wulff, die einsam im finsteren Einfamilienhaus heulen und auf den lebenslänglichen Ehrensold hoffen. Verdienst ist verdient. Wie auch Schuld. Er hat ja nur das „Amt beschädigt“, was im Sinne eines liberalen Denkspiels durchaus als „Ehrenmeldung“ durchgehen kann. Keine Panik: Der Nachfolger im Bellevue, der Pastor, ist kein Gauch, er wird’s schon richten.
Ja, ja, die Fastenzeit dauert in der Tat nicht immer 40 Tage, manchmal ist sie angenehm flüchtig. Der böse Kater kaum weg, stiehlt sich auch die dürre und wüste Kasteiung davon. Schuldbewusst unscharf in den Spiegel schauen und alles wird gut. „Ich bin mir keiner rechtlichen Verfehlung bewusst.“ Sowas kann man üben, dafür hat man Coachs, Mentaltrainer.
Und zudem sind nicht alle Griechen.
Verfehlung gleich Schuld. Im Plural: Schulden. Wer sündigt, muss büssen. Schuld und Sühne oder ein bisschen moderner und tougher: Verbrechen und Strafe. Und die Griechen sind grosse Sünder und Schuldner vor den Herren. Wenn nicht gar die grössten – wird uns wenigstens medial verklickert. Deshalb muss die Strafe auch schmerzhaft sein, sonst lernt er’s nie, der Grieche. Ja, die griechische Fastenzeit wird wohl eher 40 Jahre denn 40 Tage dauern. Erstreckung. Hélas, Grieche: Strafe muss sein. Und er kann nur froh sein, dass er keine Jude ist, der Grieche!
Und so macht sich Europa, diese aus der griechischen Mythologie entsprungene Kuh, auf zu einem Schiedsgericht, das sich gemolken hat. Zeus und sein ganzes Volk zahlen die Zeche für den Missbrauch Europas. Dass Europa den griechischen Göttervater vielleicht verführt haben könnte? Na na, das wären ja dann rein machistische Wahnvorstellungen, Chimären.
Überhaupt ist dieser Zeus ja erstens ein Gott, zweitens ein Heide und drittens ein Grieche. Gerade in der Fastenzeit muss uns doch mal wieder bewusst werden, dass eine solche Konstellation per se unglaubliche Schuld bedeutet, die auf keine Kuhhaut geht. Himmel! Der Olymp, dieser Schuld- und Sündenpfuhl: Die Titanen von Kronos in Ketten geschlagen, der dann seine Kinder verschlingt, bis er von seinem Sohn Zeus gemeuchelt wird, der wiederum seine Geschwister und Kinder unterdrückt, knebelt, ausbeutet und so weiter und so fort. Erbschuld, die sich auf Erden fortsetzt: Zehn Jahre Krieg führen wegen eines Flittchens, die Tochter opfern für gute Winde, die Mutter niedermetzeln, die Kinder schlachten etc.etc. Griechische Tragödie, gewürzt mit Marktplatz-Weisheiten à la „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ Kein Wunder, dass es der guten Xanthippe manchmal zu bunt wurde. Und fast möchte man meinen, sie hätte in der Merklin eine tapfere und blonde Nachfahrin gefunden, wenn dieser der Unmut ins Gesicht springt, dass der Atem dampft, das Mieder sich aufbäumt, die Hände rituelle Schläge verteilen. Ja, die deutsche Pastorentochter will die Welt mit aller Gewalt erretten! An der Pfarrerskinder Wesen soll die Welt genesen: Der heilige Furor von Berlin bis Herrliberg – es kann einem angst und bange werden.
Und man kann der katholischen Kirche zum Zölibat nur gratulieren. Ein mutiger, weiser und kinderfreundlicher Entscheid. Das Pfarrhaus-Milieu: zu ideologisch, zu verbissen, zu berauscht.


(Walliser Bote, 23.2.2012)