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24. Februar 2012

Busse

Endlich Entsagung. Die Fastnacht vorbei, Asche aufs Haupt, die Maske aufgesetzt – ein neuer Tag beginnt. Und mit ihm das Büssen. Kein Fleisch – falls doch, nur Geflügel -, kein Alkohol – falls doch, nur Rittergold -, keine Diäten –falls doch, nur erhöhte. Letzteres für Politiker à la Wulff, die einsam im finsteren Einfamilienhaus heulen und auf den lebenslänglichen Ehrensold hoffen. Verdienst ist verdient. Wie auch Schuld. Er hat ja nur das „Amt beschädigt“, was im Sinne eines liberalen Denkspiels durchaus als „Ehrenmeldung“ durchgehen kann. Keine Panik: Der Nachfolger im Bellevue, der Pastor, ist kein Gauch, er wird’s schon richten.
Ja, ja, die Fastenzeit dauert in der Tat nicht immer 40 Tage, manchmal ist sie angenehm flüchtig. Der böse Kater kaum weg, stiehlt sich auch die dürre und wüste Kasteiung davon. Schuldbewusst unscharf in den Spiegel schauen und alles wird gut. „Ich bin mir keiner rechtlichen Verfehlung bewusst.“ Sowas kann man üben, dafür hat man Coachs, Mentaltrainer.
Und zudem sind nicht alle Griechen.
Verfehlung gleich Schuld. Im Plural: Schulden. Wer sündigt, muss büssen. Schuld und Sühne oder ein bisschen moderner und tougher: Verbrechen und Strafe. Und die Griechen sind grosse Sünder und Schuldner vor den Herren. Wenn nicht gar die grössten – wird uns wenigstens medial verklickert. Deshalb muss die Strafe auch schmerzhaft sein, sonst lernt er’s nie, der Grieche. Ja, die griechische Fastenzeit wird wohl eher 40 Jahre denn 40 Tage dauern. Erstreckung. Hélas, Grieche: Strafe muss sein. Und er kann nur froh sein, dass er keine Jude ist, der Grieche!
Und so macht sich Europa, diese aus der griechischen Mythologie entsprungene Kuh, auf zu einem Schiedsgericht, das sich gemolken hat. Zeus und sein ganzes Volk zahlen die Zeche für den Missbrauch Europas. Dass Europa den griechischen Göttervater vielleicht verführt haben könnte? Na na, das wären ja dann rein machistische Wahnvorstellungen, Chimären.
Überhaupt ist dieser Zeus ja erstens ein Gott, zweitens ein Heide und drittens ein Grieche. Gerade in der Fastenzeit muss uns doch mal wieder bewusst werden, dass eine solche Konstellation per se unglaubliche Schuld bedeutet, die auf keine Kuhhaut geht. Himmel! Der Olymp, dieser Schuld- und Sündenpfuhl: Die Titanen von Kronos in Ketten geschlagen, der dann seine Kinder verschlingt, bis er von seinem Sohn Zeus gemeuchelt wird, der wiederum seine Geschwister und Kinder unterdrückt, knebelt, ausbeutet und so weiter und so fort. Erbschuld, die sich auf Erden fortsetzt: Zehn Jahre Krieg führen wegen eines Flittchens, die Tochter opfern für gute Winde, die Mutter niedermetzeln, die Kinder schlachten etc.etc. Griechische Tragödie, gewürzt mit Marktplatz-Weisheiten à la „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ Kein Wunder, dass es der guten Xanthippe manchmal zu bunt wurde. Und fast möchte man meinen, sie hätte in der Merklin eine tapfere und blonde Nachfahrin gefunden, wenn dieser der Unmut ins Gesicht springt, dass der Atem dampft, das Mieder sich aufbäumt, die Hände rituelle Schläge verteilen. Ja, die deutsche Pastorentochter will die Welt mit aller Gewalt erretten! An der Pfarrerskinder Wesen soll die Welt genesen: Der heilige Furor von Berlin bis Herrliberg – es kann einem angst und bange werden.
Und man kann der katholischen Kirche zum Zölibat nur gratulieren. Ein mutiger, weiser und kinderfreundlicher Entscheid. Das Pfarrhaus-Milieu: zu ideologisch, zu verbissen, zu berauscht.


(Walliser Bote, 23.2.2012)